Den 2. Dezember 2004, vier Uhr nachmittags
Spurlock-Aula, University of Illinois at Urbana-Champaign
Am Morgen des 10. November 2004, um sieben Uhr, als ich gerade mit dem Wagen zur Schule fuhr, gab der Moderator von WILL AM 580 die Nachricht von Iris Changs Tod bekannt. Vor Unglauben und Entsetzen hielt ich sogleich am Straßenrand und rief meinen Mann an — ich mußte mit jemandem sprechen, ich mußte versuchen zu fassen, was ich soeben gehört hatte.
Iris habe ich stets von ganzem Herzen geliebt.
Das Wort »vielseitig« reicht nicht aus, sie zu beschreiben. Sie war der leidenschaftlichste Mensch, dem ich je begegnet bin — voller Glut, voller Hingabe, mit ihrem ganzen Sein in das eingetaucht, was sie sich vorgenommen hatte.
Iris lernte ich zum ersten Male im Jahre 1983 kennen, als sie zusammen mit Bob Winter die Literaturzeitschrift UNIQUE der University Lab High redigierte. Iris hatte sich vorgenommen, diese seit 1980 ruhende Zeitschrift wieder ins Leben zu rufen, und bat mich, deren beratende Lehrerin zu werden.
Sie war auch meine Schülerin im Englischkurs der zwölften Klasse, im Schuljahr 1984-85, in dem Russell Ames dem Schulrat vorsaß und Warren Loyer das Direktorat innehatte. Ich erinnere mich, daß die Punk-Mode unter den Vier-Klässlern stark verbreitet war und daß die Schüler sich um sogenannte »McJobs« bewarben.
Iris’ erste veröffentlichte Arbeit war, soweit ich es überschauen kann, das kleine Gedicht, das in UNIQUE 1980-81 erschien:
Die Zeit
geht still und stetig fort,
zerstörend, geheimnisvoll, erobernd,
nimmer haltend,
wird zur Ewigkeit.
In ihren Lab-High-Jahren hörte sie nicht zu schreiben auf. 1983-84 erschienen zwei weitere Gedichte, 1984-85 noch andere. Die meisten dieser frühen Stücke kreisten um das Thema des Wandels und der Vergänglichkeit.
Neben dem Bild ihrer Abschlußklasse 1984-85 setzte sie ein Wort des viktorianischen Schriftstellers Matthew Arnold: »Poesie ist die schönste, tiefste und wirksamste Weise, die Dinge auszusprechen — eben darin liegt ihre Bedeutung.« Und ein zweites, von Einstein: »Die Vorstellungskraft ist wichtiger als das Wissen.«
Iris hielt das Wissen vielleicht nicht für das höchste Gut — und doch zeigte sie im Englischkurs der Oberstufe eine außerordentliche Belesenheit auf den verschiedensten Gebieten. Wichtiger noch: sie besaß eine geborene Begabung zum Vortrag und ein Talent, einen Gedanken mit überzeugenden Beweisen zu führen. Ich erinnere mich an die musterhafte Sorgfalt ihrer Notizkarten. Sie war nicht aus auf Noten; sie wollte den Sachen auf den Grund kommen. Wenn sie sprach, sah sie einem stets gerade in die Augen. Es war nicht zu bezweifeln, daß sie dem glaubte, was sie sagte — und sie wünschte, daß auch der andere es glaube.
Im Jahre 1998 verbrachte ich ein besonderes Wochenende mit Iris. Sie war eben aus ihrem Hause in San José zurückgekehrt, um den »Excellent Alumni Award« 1998 der Lab High in Empfang zu nehmen. Bei der Eröffnung hielt sie eine bewegende Rede. Sie sagte unter anderem:
»Beim Abfassen von The Rape of Nanking habe ich mit Erschrecken bemerkt, wie sehr der Bericht der Geschichte selbst durch Massenmord und Blutvergießen entstellt worden ist. Meine Erziehung — sei es an der Lab High, an der University of Illinois, oder an Johns Hopkins — hatte mir keine ausreichende Vorbereitung gegeben für die Begegnung mit der Wahrheit von Nanking und anderen Greueltaten. Erschüttert war ich nicht nur durch diese Geschichten selbst, sondern noch mehr durch die Leichtigkeit, mit der die Menschen solches Geschehen vergessen — und durch die Bedrohung, die von einem solchen Vergessen für die menschliche Zivilisation selbst ausgeht. Der Gedanke, daß durch mein Buch wenigstens einige Leser sich werden bewegen lassen, war oft die einzige Kraft, die mich vorwärtsgetrieben hat.«
Wir waren in der Tat bewegt — und mit uns viele andere Leser im ganzen Lande, genug, um das Buch zehn Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times zu halten.
Am folgenden Tag verabredeten Iris und ich uns, in einem Antiquitätengeschäft. Sie sprach lange über ihren Wunsch nach Kindern. Damals nahm sie an, daß die nahende Mutterschaft und die Forderungen des Berufs ihre nächsten Aufgaben sein würden. Es kam jedoch anders: sie schrieb statt dessen ein weiteres bewunderungswürdiges Buch, The Chinese in America. Im vergangenen Jahr habe ich es mit meiner Abschlußklasse gelesen, und in diesem Jahr werde ich es zusammen mit The Joy Luck Club meinem Erstklässler-Kurs zur Hand geben. Die Zeit ist verstrichen, Iris’ Sohn ist nun zwei Jahre alt geworden.
Dank ihrer Erziehung an der University Lab High ist Iris Chang im vergangenen Jahrzehnt zur eindringlichsten Stimme der chinesisch-amerikanischen Welt geworden. In ihrem ersten Buche, Thread of the Silkworm, das sie mir geschenkt hat, schrieb sie auf das Vorsatzblatt:
»Vielen Dank, daß Du mich die Forschungsfähigkeiten gelehrt hast, deren ich für dieses Buch bedurfte! Dein Kursus über fortgeschrittenes Debattieren hat mein Leben tief beeinflußt.«
Und sie hat ihrerseits der Lab High einen außerordentlichen Einfluß zurückgegeben. Sie hat das Verständnis der Lab-High-Schüler von der Geschichte des asiatischen 20. Jahrhunderts verändert. Sie hat sie gelehrt, vor dem Unrecht nicht zu schweigen. Ihre Schriften kehren immer wieder in die Diskussionen unserer Klassenzimmer zurück.
In gewisser Weise lebt Iris Chang in der Lab High noch immer fort. Unsere Schüler kennen sie, und sie applaudieren ihren Errungenschaften. Sie sehen in ihr eine Frau, die die Welt auf bedeutsame Art und Weise verändert hat. Vor allem hat sie unseren Schülern ein reicheres Empfinden für die Forderungen sozialer Gerechtigkeit eingegeben. Sie wollen, wie sie es tat, andere bewegen. Sie wollen eine Geschichte erzählen, die zu erzählen es lohnt. Sie wollen, daß ihr Leben von Bedeutung sei.
Wenn sie diese Dinge tun, weiß ich, daß sie damit das Leben und den Traum von Iris Chang bekräftigen werden. Zum Schluß habe ich einige Verse aus einem Gedicht gewählt, das Iris in der elften Klasse über die Morgendämmerung verfaßt hat:
An den Enden der Erde,
treibe alles Dunkel fort,
ein neuer Tag breche an…
Sonnenlicht, lebendig wachsend,
mit Gold
malt das purpurrot Gewölbe
ins Blaue.
- (Übertragung von Yang Hui, durchgesehen von Sheng Jie, 6. August 2018.)