Ein Brief an Iris Chang

Sie haben jenen Bambusvorhang beiseite gezogen, der so lange zwischen der Welt und Nanking gehangen hat.
Ein Brief an Iris Chang

Von Hann-Shuin Yew

Bei der Library of Congress veröffentlicht

Sehr verehrte Frau Chang,

dies ist ein verspäteter Brief. Er hätte vor zwei oder drei Wochen in Ihren Schoß fallen sollen, damals, als Sie ihn noch hätten öffnen können. Sie hätten so erfahren, was Ihre Werke für die Chinesen in aller Welt bedeuten; ich hätte Ihnen, mit eigenen Worten, sagen können, in welcher Tiefe ich Ihnen verpflichtet bin. Doch nun trägt Nanking ein weiteres Opfer in seine Liste ein, und das ist eine Trauer, die nicht von mir abfallen will.

Wie bei Ihnen war Nanking auch bei mir, immer, unter der Oberfläche meines Heranwachsens gegenwärtig. Meine Eltern erwähnten, hier und da, die Worte »Massaker von Nanking«, weigerten sich aber, mir auseinanderzusetzen, wie meine eigenen Urgroßeltern und mein Großonkel durch die Hand japanischer Soldaten gestorben waren. Trotzdem habe ich, vor allem durch die Diskussionen, die nach dem Erscheinen Ihrer Vergewaltigung von Nanjing aufbrandeten, allmählich erfahren, daß während des Zweiten Weltkriegs in jener Stadt etwas vor sich gegangen war, das alles Menschenmögliche überschritt.

Doch leider rührte mich, das Kind, dieses Wissen damals nicht wirklich an. Das Massaker von Nanking war ein Stoff, der in der älteren Generation begraben lag; ein Schrecken, dem man sich nicht zu nähern getraute. Diese ältere Generation war für mich vor allem meine Großmutter mütterlicherseits, die die Japaner haßte, einen Dialekt sprach, den ich nicht verstehen konnte, und Dinge tat, die ich nicht zu deuten wußte: sie weigerte sich, ein japanisches Restaurant zu betreten; sie weinte, wenn ich auf meinem CD-Spieler ein japanisches Pop-Lied auflegte. Ja, Nanking gehörte zu einer Generation, in deren Welt ich nicht vordringen konnte.

Erst nach dem Tode meiner Großmutter erfuhr ich, weshalb sie die Japaner mit solcher Feindschaft umfangen hatte. Bei ihrer Beerdigung erzählte mir ein Großonkel, sie habe mit eigenen Augen mit angesehen, wie ihre Eltern von japanischen Soldaten an einen Baum gebunden und zu Tode geschlagen worden waren. Das geschah nicht in Nanking, es geschah in einem kleinen, namenlosen Dorf in der Mitte Chinas. Das Morden der Japaner blieb nicht auf Nanking beschränkt. In Hunderten vergessener Dörfer Chinas haben sie Menschen ermordet und gequält. Die Wunde von Nanking durchzieht ganz China; die kleineren, vergessenen Massaker wiederholten sich, in immer neuen Gestalten, fast überall.

Warum müssen wir erst durch den Tod hindurch, um so viel zu lernen?

Ich gestehe Ihnen, Frau Chang, daß ich, bis zu Ihrem Hinscheiden, Die Vergewaltigung von Nanjing nie zu Ende lesen konnte. Ich vermochte es nicht. Beim Lesen der Greuel, die Sie aufgezeichnet hatten, beim Erstehen jener Bilder vor meinem inneren Auge, ergriffen mich Entsetzen und körperlicher Ekel mit einer solchen Gewalt, daß ich das Buch immer wieder aus der Hand legen mußte. Auch ich habe in dieser »vergessenen Tragödie« Vorfahren verloren; jeder Satz Ihres Buches, jede Photographie, traf in mir auf einen Ort, der bereits Bescheid wußte. Vier Jahre lang brauchte ich, um die ersten vier Kapitel zu bewältigen. Jedesmal wenn ich das Buch wieder aufnahm, durchfuhr mich eisig die Banalität des Bösen, die Sie, mit Hannah Arendts Wort, zutage gebracht hatten.

Was Sie aber empfunden haben müssen, war ungleich schwerer. Sie haben die rohesten Zeugnisse gesehen — die Filme, die Aussagen, die Photographien. Sie haben jahrelang, Tag um Tag, in der Furcht und im Schmerz gelebt, in dem die Opfer einst gelebt hatten. Wie haben Sie das aushalten können? Woher kam Ihre Furchtlosigkeit?

Als ich aus der Zeitung erfuhr, daß Sie sich das Leben genommen hatten, wußte ich, daß ich Ihr Buch lesen mußte. Wenn Sie den Mut gehabt hatten, es zu schreiben, schuldete ich Ihnen wenigstens den Mut, es zu Ende zu lesen. So saß ich, an einem windigen Tag, auf einer Bank, mit Ihrem nun nicht mehr jungen Buch in den Händen, und ich gedachte Ihrer.

Diesmal, ich weiß nicht warum, gelang es mir, das Buch von Anfang bis Ende durchzulesen. Ich versuchte nicht mehr, das Entsetzen mir vom Leibe zu halten. Ich versuchte nicht mehr, mich gegen den Geruch des Leidens und gegen die Klagen abzuschirmen, die aus Ihren Seiten aufstiegen. Im Gegenteil: als ich mich in das Entsetzen Nankings sinken ließ, sah ich John Rabe, Minnie Vautrin, Dr. Robert Wilson und Sie selbst vor mir stehen. Ich sah die »lebenden Bodhisattvas von Nanking« die Tausenden Opfer retten. Und ich sah Sie jenen Bambusvorhang beiseiteziehen, der so lange zwischen der Welt und Nanking gehangen hatte. Ich danke Ihnen, Frau Chang, für den Mut, mit dem Sie die Wahrheit ans Licht gebracht haben. Auch wenn Sie diesen Brief nicht mehr lesen können, hoffe ich, daß Sie, ehe Sie gingen, von der Größe der Veränderung, die Sie in dieser Welt bewirkt haben, gewußt haben mögen. Darum: ich danke Ihnen.

Mit aufrichtigem Gruß,
Hann-Shuin Yew

  • Hann-Shuin Yew, 16 Jahre alt, Schülerin der elften Klasse

  • Ich bin in Singapur geboren. Mit meiner Familie bin ich in mehreren Städten aufgewachsen — Schanghai, Vancouver und nun San José in Kalifornien. So hatte ich Gelegenheit, verschiedene Kulturen kennenzulernen und zu sehen, wie chinesische Gemeinschaften in den verschiedenen Teilen der Welt leben. Diese Erfahrung hat mir eine große Liebe zur Geschichte und zur Literatur eingegeben, vor allem zu jenen Büchern, die mir helfen, mein eigenes Erbe besser zu verstehen. Im übrigen liebe ich Worträtsel, Denkspiele, Origami und gelegentlich, Verse zu schreiben.

  • (Übertragung von Yang Hui, durchgesehen von Jian Shuhui, 6. August 2018.)

  • Dieser Brief errang im kalifornischen Oberstufen-Wettbewerb der Library of Congress 2005 — »Letters About Literature: A Letter to an Author Whose Book Has Changed Your Life« — den ersten Preis.

Hann-Shuin Yew — PDF

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