Die unerträgliche Trauer um den Schmerz der anderen

Iris Changs furchtloses Zeugnis vom Massaker von Nanking — und ihr Tod — bezeichnen die Kosten ihres unbeirrten Strebens nach geschichtlicher Wahrheit und Gerechtigkeit.
Die unerträgliche Trauer um den Schmerz der anderen

Von Laurie Barkin

Erschienen in der San Francisco Chronicle

Den 23. November 2004

Iris Chang, sechsunddreißig Jahre alt, Verfasserin von The Rape of Nanking — The Forgotten Holocaust of World War II, hatte mehr als ein Jahrzehnt lang sich in die Erlebnisse derer versenkt, die das Massaker überlebt hatten, das die japanische Armee im Jahre 1937 in Nanking an dreihunderttausend ihrer Landsleute begangen hatte. In jüngerer Zeit hatte sie Überlebende des Bataan Death March befragt. Nachdem sie in Kentucky die Aussage eines amerikanischen Veteranen vernommen hatte, brach sie zusammen und mußte drei Tage lang in der Klinik bleiben. Zurück in ihrem Hause in der Bay Area, trotz medikamentöser Behandlung, nahm sie sich am 9. November selbst das Leben.

Erschöpfung des Mitleids. Sekundäre Traumatisierung. Stellvertretende Traumatisierung. Mit diesen Begriffen pflegt man jenen Verlust an seelischer Orientierung zu beschreiben, der über einen so mitfühlenden Menschen wie Iris Chang kommen kann, nachdem er das Unmenschliche, das Menschen einander antun können, mit eigenen Augen oder mit eigenem Geist hat ansehen müssen. Nachdem ich selbst fünf Jahre lang in der Pflege psychiatrisch traumatisierter Patienten beratend tätig war, begann ich an unaufhörlichen Alpträumen, an Beklemmung, an einer immer mehr anwachsenden Furcht um die Sicherheit meiner eigenen Kinder zu leiden. Ich nahm an einer Tagung über Psychotraumatologie teil, und dort hörte ich zum ersten Male den Ausdruck vicarious trauma — stellvertretende Traumatisierung. Ich begann, meine eigenen Symptome zu verstehen, und mit ihnen die Notwendigkeit, von der Arbeit für eine Weile zurückzutreten.

Die Traumaforscher gebrauchen das Wort Dosis, um das Maß zu bezeichnen, mit dem ein traumatisches Ereignis auf einen Menschen einwirkt. Die jüngsten Fortschritte erlauben es, die Veränderungen zu beschreiben, die das menschliche Gehirn in der Folge psychischer Traumata durchläuft. Schon eine sekundäre Aussetzung — und vor allem, wenn sie, wie bei Iris Chang, eine starke und über Jahre angesammelte Dosis ausmacht — vermag das Gehirn deutlich zu verändern. Polizisten, Feuerwehrleute, Therapeuten, Reporter und das Personal der Notfallmedizin gehören gleichermaßen zur Gruppe der Hochgefährdeten.

Behandlungswege gibt es. Sie wirken besser, wenn man eingreift, ehe die Symptome auftreten. Sie umfassen ein freundliches Arbeitsumfeld, ein gehaltvolles Familienleben, regelmäßige körperliche Bewegung, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Muße, und vor allem die Zeit mit Freunden — namentlich mit jenen, die einen herzhaft zum Lachen bringen können.

Diejenigen, die Iris Chang betrauern, sagen von ihr, sie sei eine gewesen, die den Schmerz der anderen wie den eigenen empfand und die unermüdlich sich nicht von einer Aufgabe trennen konnte, die sie auf sich genommen hatte. Manche haben hinzugefügt: Für Iris gab es kein Unmögliches. Vielleicht ist eben dies der Grund, weshalb sie, im Angesicht des Bösen unserer Welt, sich, ohne sich zu schonen, der Aufgabe ergeben hat, dieses Böse zu verändern. Ich kann mir vorstellen, wie das Klagen der zu Unrecht Gefallenen ihr den Schlaf, ja die Speise raubte; wie das Zeugnis eines jeden Überlebenden sie tiefer und immer tiefer hinabzog; wie sie, um den abgrundtiefen Schmerz in Worte zu fassen, einen unerträglichen Schmerz auf ihre eigenen Schultern lud; wie sie das Leiden anderer auf sich nahm, damit wir aus diesem Leiden lernen und bessere Menschen werden möchten.

Das einzige Hindernis liegt darin, daß wir nicht hören wollen. Wir wollen nicht hören, wir wollen nicht glauben. Über das, was im Innern wohnt, zu sprechen, hat in diesem Lande seit eh und je als etwas Peinliches gegolten. Lieber geben wir den Leiden Tabletten, oder lassen sie sich betrinken, als ihnen unser Herz zu öffnen. Wir haben nie gelernt, auf die seelischen Bedürfnisse der anderen zu achten. Wenn jemand aus unserem Umkreis von einem Schmerz oder einer Trauer spricht, fühlen wir uns unbehaglich. Wir weichen der Lage aus, weil wir fürchten, das Falsche zu sagen, oder weil wir fürchten, uns selbst nicht mehr in der Hand zu haben. Doch Anerkennung, Sorge und Trost sind genau das, dessen die Zeugen bedürfen. Manchmal aber genügen selbst liebende Verwandte und treue Freunde nicht, um einen Menschen aus den Tiefen fremden Leids zurückzuholen.

Iris Changs Leben hat das Leben vieler erleuchtet — und im selben Schritt hat es ihr eigenes verzehrt. Wie die Feuerwehrleute, die nach dem 11. September zu den Trümmern liefen, hat sie ohne Schlaf, ohne Erholung, sich selbst vergessend, in den Trümmern dieser Tragödie gesucht und geforscht. Wir müssen Menschen wie sie hegen, Menschen, die, ohne nach der eigenen Zuflucht zu fragen, ihr Leben in den Dienst der Wahrheit stellen. Wir müssen ihnen Zeit zum Atemholen geben. Wir müssen sie loben. Wir müssen ihnen zuhören. Und wir müssen sie auffangen, ehe der Abgrund der Verzweiflung sie verschlingt.

Laurie Barkin ist klinische psychiatrische Fachkrankenschwester und arbeitet an einem Buch über Überlebende seelischer Traumata.

  • (Übertragung aus dem Chinesischen: Jian Shuhui und Ma Haining.)

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