Erinnerung an mein letztes Wiedersehen mit Iris Chang
Da Hsuan Feng
Da-Hsuan-Kolumne
26. Mai 2018
Vor zwei Tagen las ich auf Facebook, daß jemand des Gedenktages des jüdischen Holocausts Erwähnung tat. Da kamen mir wieder jene zwei Worte in den Sinn, die ich, vor fünfzig Jahren, gleich nach meiner Ankunft in Amerika, zum ersten Mal vernommen hatte: Never Again — niemals wieder. Indem ich die Notiz las, kehrte mir eine andere Erinnerung zurück: die jenes Frühlings 2004, in der chinesischen Gemeinde von Richardson, am Rande von Dallas, in Texas, wo mir das seltene Glück widerfuhr, Iris Chang zu begegnen.
Iris Chang war eine chinesisch-amerikanische Schriftstellerin von außerordentlicher, ja weltumspannender Wirkung. Ihr berühmtestes Werk, jenes Buch, das die Welt erschütterte, trug den Titel The Rape of Nanking. Es schilderte, ohne ein einziges Wort zu beschönigen, mit einer Genauigkeit, die fast nicht zu ertragen ist, was im Zweiten Weltkrieg in der Stadt Nanking geschehen war.
Am 1. April 2004 — am Tage der Aprilscherze — hatten die chinesischen Vereinigungen von Texas sie nach Dallas eingeladen, um dort einen Vortrag zu halten. Ich war zu jener Zeit Vizepräsident für Forschung an der University of Texas at Dallas, und die örtliche chinesisch-amerikanische Gemeinde erwies mir die große Ehre, Iris Chang vor ihrer Rede vorstellen zu dürfen. Eine zweite Freude trat hinzu: Iris Changs Vater, Shau-Jin Chang, ist ein hervorragender theoretischer Physiker, und als Fachgenosse hatte ich auch ihn flüchtig kennengelernt.
Im folgenden gebe ich die chinesische Übersetzung meiner Begrüßungsansprache wieder.
Jener 1. April 2004 war das zweite Mal, daß ich Iris Chang begegnete. Als wir uns am Abend voneinander verabschiedeten, sprachen wir noch einige Worte aus dem Herzen miteinander. Daß diese Worte ein letzter Abschied sein würden, ahnte damals keiner von uns. Geh in Frieden, Iris Chang.
Danke, Iris Chang
Eine Vorrede zu Iris Chang
Vortrag in Richardson, bei Dallas, Texas — 1. April 2004
Da Hsuan Feng — Vizepräsident für Forschung, University of Texas at Dallas
Meine Damen und Herren, einen guten Abend.
Iris Chang ist eine Schriftstellerin von tiefem und welthaltigem Einfluß; sie bedarf keiner Vorstellung. Und gerade weil sie keiner bedarf, finde ich, daß das einzige, was ich heute abend wirklich zu sagen vermag, ein einziges Wort ist, aus dem Herzen gesprochen: Dank.
Im Jahre 1964, als ich noch ein Erstsemester in New Jersey war, eben erst aus der Ferne nach Amerika gekommen, lud mich ein Kommilitone zu einer Vorlesung an der Universität ein. Er sagte mir, der Redner sei ein Überlebender des Holocaust. Das englische Wort hatte ich bis zu jener Stunde noch nie vernommen.
Bis auf den heutigen Tag haben sich jener Vortrag und die Bilder, die ihn begleiteten, in mein Gedächtnis eingebrannt — wie eine Wunde, möchte man fast sagen. In jenen Bildern war nichts Menschliches mehr. Die letzten Worte, die der Redner sprach, sind mir noch in genauer Erinnerung: Never Again.
Als ich an jenem Abend in mein Zimmer zurückgekehrt war, dachte ich unaufhörlich an jenes englische Wort, Holocaust. Konnte es sein, daß man dieses Wort einzig und allein für jenes Leiden gebrauchte, das die Juden Europas an Leib und Seele erfahren haben?
Als ich das Cambridge-Wörterbuch zur Hand nahm und nachschlug, fand ich folgende Erklärung:
“The Holocaust” was the systematic murder of many people, esp. Jews, by the Nazis during World War II.
Da begriff ich erst, daß Holocaust sich auf jeden Massenmord beziehen läßt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte meine Mutter Musik am Ginling Women’s College in Nanking. Ich erinnere mich, daß sie einmal, mit ein paar wenigen Worten, vom Massaker von Nanking zu mir gesprochen hat. Doch wahrscheinlich war jenes Geschehen so unerträglich, daß sie nie und nimmer ausführlich davon erzählen wollte und konnte. Nachdem ich das Wenige erfahren hatte, war ich von einem heftigen Zorn ergriffen, zugleich aber auch von einem tiefen Gefühl der Ohnmacht: denn damals hatte ich keinen Weg, der Wahrheit von Nanking näher zu kommen.
Allmählich ließ ich die Sache in den Hintergrund meines Denkens zurücktreten. Was sie wieder hervorholte, war Iris Changs Buch The Rape of Nanking, das ich vor wenigen Jahren las.
Das Buch hat mir mit aller Klarheit gezeigt, daß ich, obwohl ich kein Jude bin, denselben Zorn empfinden und mit den Juden, die im Zweiten Weltkrieg gelitten haben, in tiefem Mitgefühl verbunden sein kann. Das Buch hat mir gezeigt, daß die Juden und ich — wir — der einen Familie der Menschen angehören.
Ich bin zu der tiefen Überzeugung gelangt, daß jeder, der Iris Changs Buch liest — sei er Chinese oder nicht — dieselbe Empörung in seinem Herzen tragen wird.
Iris Changs Buch ist ein Schrei nach Gerechtigkeit, im Namen jener Tausende und Abertausende, die in Nanking unsägliches Leid erfahren haben.
Und so möchte ich, so klein ich auch bin, im Namen der ganzen Menschheit zu Ihnen sprechen und sagen: Iris Chang, wir danken Ihnen.
(Da Hsuan Feng — Da-Hsuan-Kolumne, 26. Mai 2018. Zusammengestellt von Zoe Sheng und Lily Yao.)