Aus dem Congressional Record
108. Kongreß · Repräsentantenhaus
Eine Würdigung Iris Changs
Den 17. November 2004
Hon. Michael M. Honda, Abgeordneter aus Kalifornien
Herr Sprecher, ich erhebe mich heute, um das Andenken Iris Changs in Ehren zu halten — einer mutigen Historikerin und Schriftstellerin, einer Verteidigerin der Geschichte Asiens und der asiatischen Amerikaner, der Menschenrechte und der historischen Wahrheit. In einer kurzen, doch außerordentlichen Laufbahn hat sie das Unrecht und die Greuel ans Licht gebracht, die die Geschichte vergessen oder zu verschweigen vorgezogen hatte, und hat damit das Herz unzähliger Leser bewegt. Im persönlichen Leben war sie eine treue Gattin und Mutter, eine vertraute Freundin, ein leuchtendes Vorbild. Iris Chang hinterläßt ihren Gemahl, Dr. Brett Lee Douglas, ihren Sohn Christopher Douglas, ihre Eltern Shau-Jin Chang und Ying-Ying Chang, und ihren Bruder Michael Chang.
Iris Chang wurde am 28. März 1968 in Princeton, New Jersey, geboren. Sie studierte Journalismus an der University of Illinois und erwarb sodann den Magister in Wissenschaftsjournalismus an der Johns Hopkins University. Während ihrer Zeit an Hopkins widmete sie sich eingehend dem Studium von Tsien Hsue-shen — jenem chinesisch-amerikanischen Naturwissenschaftler, den die amerikanischen Behörden in den sechziger Jahren des Kalten Krieges aus Furcht vor dem Kommunismus nach China abgeschoben hatten und der sodann das chinesische Raketenprogramm begründete. Aus dieser Forschung wuchs ihr vielgerühmtes Erstlingswerk hervor: Thread of the Silkworm — Das Leben des Tsien Hsue-shen, ein Buch, in dem das Mißtrauen und die Rassenvorurteile der McCarthy-Ära mit größter Gewissenhaftigkeit dargestellt sind.
Als Historikerin und als Frau des öffentlichen Lebens hat Iris Chang ihr ganzes Dasein dem Streben nach geschichtlicher Gerechtigkeit und Versöhnung gewidmet. Ihr Buch The Rape of Nanking — The Forgotten Holocaust of World War II hat die unerhörten Verbrechen, die die japanische Armee 1937 in Nanking beging, ausführlich dargelegt und ist zu einer maßgeblichen Quelle des öffentlichen Bewußtseins über die Greueltaten der japanischen Armee im Zweiten Weltkriege geworden — Greuel, deren Mißachtung der Menschenrechte über Jahrzehnte hinweg entweder gar nicht aufgezeichnet oder nie offiziell anerkannt worden ist. Sie hat sich überdies aktiv für Wiedergutmachung im Namen der Nankinger Opfer eingesetzt, was sie in offenen Konflikt mit der japanischen Regierung und gewissen Vereinigungen brachte — was aber Iris Changs Streben nach Gerechtigkeit und Wahrheit auch nicht im geringsten zu erschüttern vermochte.
Ihr neuestes Buch, The Chinese in America, ist eine dokumentarische Darstellung der Empfindungen, der Anschauungen und der Erfahrungen der chinesisch-amerikanischen Gemeinschaft. Vor wenigen Wochen hat die East West Bank vierhundertzwanzig Exemplare von The Chinese in America an Schulen in ganz Kalifornien gestiftet, um das Verständnis für die geschichtlichen Herausforderungen zu mehren, denen die Chinese-Americans zu begegnen hatten.
Über die Bücher hinaus, in denen sie das amerikanische und das internationale Gewissen mit den geschichtlichen und sozialen Ungerechtigkeiten konfrontierte, die Asiaten und in Amerika lebenden Asiaten widerfahren waren, gehörte Iris Chang dem »Committee of 100« an — einer überparteilichen Vereinigung chinesisch-amerikanischer Persönlichkeiten, die sich den großen Anliegen der chinesisch-amerikanischen Gemeinschaft verschrieben hat. Für ihren Einsatz wurde ihr von der John D. and Catherine T. MacArthur Foundation der Preis für Frieden und internationale Zusammenarbeit verliehen. Die Organization of Chinese American Women ehrte sie mit der Auszeichnung als »Frau des Jahres«.
Wir werden das Wirken Iris Changs und ihren außerordentlichen Beitrag zur asiatisch-amerikanischen Gemeinschaft im Gedächtnis bewahren. Die Millionen, die durch ihr Schreiben und ihren öffentlichen Einsatz bewegt worden sind, werden den sittlichen Ernst, mit dem sie den Ungerechtigkeiten der Geschichte begegnet ist, niemals vergessen; auch nicht ihr lebenslanges Bemühen um den Frieden zwischen Völkern verschiedener Herkunft; auch nicht den öffentlichen Widerhall, den dieses Bemühen gefunden hat. Iris Chang trug einen starken chinesisch-amerikanischen Stolz in ihrem Herzen — einen Stolz, der jene um sie her bewegte, der die Überzeugung wachrief, daß, gleichgültig welcher Herkunft man sei, ein jeder ein wahrer Amerikaner werden könne. Mit dem Hinscheiden Iris Changs hat unsere asiatisch-amerikanische Gemeinschaft ein Vorbild und eine teure Freundin verloren; und die Welt hat einen ihrer hervorragendsten und leidenschaftlichsten Streiter für soziale und geschichtliche Gerechtigkeit verloren.
(Übertragung: Chen Xin, durchgesehen von Ma Haining und Yang Hui.)