Der Feind des Trostes (The Enemy of Comfort)

Iris Changs Tod legt das unerträgliche Gewicht offen, das auf dem zu lasten beginnt, der das Grauen des Krieges zu bezeugen sucht.
Der Feind des Trostes (The Enemy of Comfort)

Von Nicolaus Mills

Erschienen in der amerikanischen Zeitschrift American Prospect

Den 20. Januar 2005

Eine Woche nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen wurde Iris Chang, die vielgerühmte Verfasserin von The Rape of Nanking — The Forgotten Holocaust of World War II, in ihrem eigenen Wagen, am Rande einer Schnellstraße südlich von Los Gatos in Kalifornien, tot aufgefunden. Bevor sie die Pistole gegen sich selbst richtete, hatte sie in ihrem Hause in San José einen sorgsam abgefaßten Abschiedsbrief hinterlassen und sich dazu vergewissert, daß ihr Leichnam nicht von ihrem Manne oder von ihrem zweijährigen Sohne, sondern von der Polizei aufgefunden werde.

Die Berichte, die folgten, gaben ihr Alter an — sechsunddreißig Jahre nur — und erläuterten den Erfolg von The Rape of Nanking, dem wichtigsten ihrer drei Bücher, das allein in den Vereinigten Staaten in mehr als einer halben Million Exemplaren verkauft worden war. Doch in der Aufmerksamkeit, die ihrem Tode zuteil wurde, fehlte weithin die ernste Würdigung ihres Werkes und das Eingeständnis jener moralischen und geistigen Leere, die sie hinterlassen hat. Iris’ Großeltern flohen 1937 aus der ostchinesischen Stadt Nanking, der damaligen Hauptstadt — flohen vor jenem brutalen Eroberungskrieg, der über die Stadt hereinbrechen sollte. In einer Welt, in der die meisten Erzählungen vom Holocaust und vom Genozid sich heute der Schauseite des Krieges zuwenden, hat Iris Chang nie vergessen, daß ihr Stoff die Eroberten und die Gefallenen waren.

Indem Iris Chang die Belagerung von Nanking — eine Schlacht, in der nach späterer Schätzung mehr als 260 000 Menschen ums Leben kamen — beschrieb, wählte sie einen Stoff, der lange in Japan und sogar in der westlichen Welt tief begraben gehalten worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg griffen die Japaner, wie zu erwarten war, vor allem auf jenes Leiden zurück, das sie selbst durch die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki erlitten hatten; und die Vereinigten Staaten ihrerseits, beschäftigt mit dem Wiederaufbau Japans als Pufferstaat gegen das kommunistische China, ließen es bereitwillig zu, daß die Kriegsverbrechen, die ihr neuer Bundesgenosse an seinem neuen Feind begangen hatte, leise aus dem Gesichtsfelde verschwanden.

So blieb die Sache, ohne Wellen zu schlagen, ungewußt — bis Iris’ Buch erschien. Es kam zum sechzigsten Jahrestag des Massakers von Nanking heraus, eben in dem Jahr, in dem Iris ihren neunundzwanzigsten Geburtstag feierte. Das Buch legte zugleich das Schweigen offen, das um das Geschehene in Nanking gewachsen war, und die Frage, wie diese Geschichte in den Schulen Japans gelehrt — oder eben nicht gelehrt — wurde. Die Greuel, die das Japan des Zweiten Weltkriegs dort begangen hatte, waren leise gemacht worden; das Schlachten, das in der Stadt Nanking an Zehntausenden Chinesen verübt worden war, blieb in Japan, im offiziellen Wortgebrauch, allein ein »Vorfall«.

Doch es geht weiter. Im Herzen von The Rape of Nanking steht das Engagement der Verfasserin in der Politik der humanitären Hilfe — ihre Würdigung dessen, was Einzelne, die jenseits der zerstörten Stadt zu jener Zeit noch ihre persönliche Bewegungsfreiheit besaßen, getan haben, um Chinesen zu retten; und wie diese humanitären Helfer, vor allem die amerikanische Lehrerin Minnie Vautrin und der deutsche Kaufmann John Rabe, sich für diese Aufgabe bis an die Grenzen menschlichen Vermögens aufgerieben haben. Vautrin kehrte nach Amerika zurück, brach 1941 zusammen, und nahm sich, in der Verzweiflung über das, was sie nicht hatte vollbringen können, das Leben. Rabe übergab 1938 der deutschen Reichsregierung einen Film über das Massaker von Nanking, wofür er von der Gestapo verhaftet und kurze Zeit eingekerkert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er eine Weile in der Schweiz und überlebte dort durch die Nahrungsmittelpakete jener Bürger Nankings, die ihm dafür dankten, was er getan hatte.

Wie Vautrin und Rabe konnte auch Iris Chang nicht glauben, daß das, was sie für die Opfer von Nanking getan hatte, genug sei — und gestattete sich keine Ruhe. Sie ließ sich nicht von den Ehren trösten, die ihr Buch ihr eingebracht hatte. Während des Jahres, in dem sie ihrem Buch durch die Lande folgte, stellte sie sich namentlich denen, die ihre Zahlen oder ihre Genauigkeit anzweifeln wollten. In einer Fernsehsendung forderte sie den japanischen Botschafter in den Vereinigten Staaten persönlich auf, sich für das Massaker von Nanking zu entschuldigen; als jener nur zugestand, daß die Geschehnisse »wahrhaft unglücklich« gewesen seien, geriet sie in tiefen Zorn.

Iris Changs Mann hat den Abschiedsbrief nicht veröffentlicht, und auch die Berichte gaben uns keine weiteren Einzelheiten, so daß wir nur erahnen können, was sie in solche Verzweiflung getrieben hat. Was wir aber rückschauend mit Bestimmtheit sagen können, ist die unermeßliche Last, die sie an Leib und Geist getragen hat. Am Ende ihres Lebens schrieb sie an einem Buch über den Bataan Death March und über die Mißhandlung amerikanischer Kriegsgefangener durch die Japaner — und man wünschte, schmerzlich, sie hätte einen leichteren Stoff gewählt. In einer Welt, in der manche internationale Gestalt — Kofi Annan, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, kommt einem auf der Stelle in den Sinn — sich begnügt, die Herausforderungen menschlicher Katastrophen wie ein Sportler anzunehmen, der einen Siegesrekord aufzuhäufen sucht (mag sein, daß man in Ruanda verloren hat, immerhin hat man in Osttimor gewonnen), stand Iris Changs sittliche Haltung allein und unverkennbar da. In der Welt, die sie sah, kamen die Folgen des Zuwenig-Tuns stets über die zu, die am wenigsten zu tragen vermochten; und sie konnte sich von der Überzeugung nicht lösen, daß für einen Menschen wie sie der größte Feind der Trost sei, das Behagen.

Nicolaus Mills ist Professor für American Studies am Sarah Lawrence College und Verfasser u. a. von Their Last Battle: The Fight for the National World War II Memorial.

  • (Übertragung: Hao Ji-gang Jim Hao, durchgesehen von Sheng Jie Zoe Sheng.)

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