Auch die Kraft eines Einzelnen vermag die Welt zu verändern — Das Iris Chang Studio zu Gast beim *Hawaii Chinese Daily*

Mit ihrer Feder und mit einem Willen, der nicht zu beugen war, ließ Iris Chang die Welt sich der Wahrheit über das Massaker von Nanking erinnern. Ihr Buch *Die Vergewaltigung von Nanjing — der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs* ist das lebendige Zeugnis jenes Glaubens, daß auch die Kraft eines Einzelnen die Welt zu verändern vermag.
Auch die Kraft eines Einzelnen vermag die Welt zu verändern — Das Iris Chang Studio zu Gast beim *Hawaii Chinese Daily*

Iris Chang, geboren in Princeton im Staate New Jersey, schloß ihr Studium am College für Journalismus der University of Illinois at Urbana-Champaign ab. Ihr 1997 erschienenes Buch Die Vergewaltigung von Nanjing — der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs war die erste umfassende Studie zum Massaker von Nanking in englischer Sprache; eine Arbeit, die die lange Stille der englischsprachigen Welt zu jener historischen Episode mit einem Schlage beendete. Kaum war das Buch in den Vereinigten Staaten erschienen, da wurde es zur meistverkauften Sachbucharbeit des Landes und stand drei Monate lang auf der Bestseller-Liste der New York Times. Um ihr Verdienst zu ehren, hat das Hawaii Chinese Daily zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Person, die schon im Himmel weilt — Iris Chang —, in seine Liste der „Persönlichkeiten Großchinas” aufgenommen. Der Kolumnist der Washington Post, George Will, hat geschrieben: „Durch das Buch von Iris Chang ist die zweite ‚Vergewaltigung von Nanjing’ beendet.”

1. Erzählen Sie uns zu Beginn etwas vom Leben Iris Changs.

Iris wurde am 28. März 1968 in Princeton, New Jersey, geboren. 1967 hatten ihre Eltern die Promotion abgeschlossen und waren nach Princeton gegangen, um dort als Postdoktoranden weiterzuarbeiten. Ihr Vater, Shau-Jin Chang, betrieb am Institute for Advanced Study in Princeton Forschungen in der Physik; ihre Mutter, Ying-Ying Chang, arbeitete als Postdoktorandin in der biologischen Fakultät der Universität Princeton. Als Iris ein gutes Jahr alt war, nahm der Vater einen Ruf auf eine Professur an der University of Illinois at Urbana-Champaign an, und die Familie zog in die Universitätsstadt Champaign-Urbana, Illinois.

Dort wuchs Iris auf. 1985 schloß sie die University Laboratory High School in Illinois ab. 1989 erwarb sie an der University of Illinois at Urbana-Champaign den Bachelor. Die ersten beiden Studienjahre galten der Mathematik und der Informatik; in der zweiten Hälfte des dritten Jahres jedoch zog die Liebe zur Literatur sie so unwiderstehlich, daß sie das Fach wechselte und mit einem Bachelor in Journalistik abschloß.

Nach dem College war sie als Volontärin bei der Chicagoer Filiale der Associated Press und der Chicago Tribune tätig, kehrte sodann für ein halbes Jahr an die University of Illinois zurück, um Geschichte zu studieren. Bald darauf bot ihr das Schreibprogramm der Johns Hopkins University ein Lehrstipendium für ein einjähriges Master-Studium im Schreiben an. Iris ergriff die Gelegenheit und nahm im Mai 1991 den Master in Schreiben an der Johns Hopkins University in Empfang.


(Iris Changs Master-Diplom in Schreiben, Johns Hopkins University.)

Iris’ Lehrerin Barbara Culliton war von ihrem Stil gänzlich eingenommen. Cullitons Freundin Susan Rabiner, Buchverlegerin bei HarperCollins, suchte jemanden, der des Chinesischen mächtig war, um eine Biographie Tsien Hsue-shens zu verfassen. Iris war damals noch sehr jung; doch jenes Buch wurde zur Wende in ihrem Schreiberleben. 1995 erschien das erste Buch ihrer schriftstellerischen Laufbahn — Thread of the Silkworm: The Life of Tsien Hsue-shen.

Iris hat in ihrem Leben drei Bücher geschrieben: 1995 Thread of the Silkworm: The Life of Tsien Hsue-shen; 1997 Die Vergewaltigung von Nanjing — der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs; und 2003 The Chinese in America.


*Thread of the Silkworm: The Life of Tsien Hsue-shen*


*Die Vergewaltigung von Nanjing — der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs*


*The Chinese in America*

Dies ist nur eine knappe Skizze von Iris’ Leben. Wer tiefer in dieses Leben eindringen möchte, dem sei das Buch von Ying-Ying Chang anempfohlen, Die Frau, die die Geschichte nicht vergessen konnte (The Woman Who Could Not Forget). Es ist zugleich Erinnerungsbuch der Mutter an die Tochter und ausführliche Lebensgeschichte Iris Changs, und es schildert ihr Leben in allen wesentlichen Einzelheiten.


2. In welchem Hause ist Iris Chang aufgewachsen, und welches kulturelle Erbe trug sie in sich?


(Familienbild zu Iris' sechstem Lebensjahr. Hinten: ihre Eltern. Vorn: ihr Großvater mütterlicherseits Chang Tieh-chün, links unten, und ihre Großmutter Sun Yi-pai.)

Der Vater Ying-Ying Changs — Iris’ Großvater mütterlicherseits, Chang Tieh-chün — war ein bekannter Publizist seiner Zeit, der lange Jahre hindurch leitender Redakteur des Chung-Hua Daily gewesen ist. Er pflegte das chinesische Erbe und sagte mit Nachdruck: „Wohin wir auch in dieser Welt gehen mögen — wir dürfen nie vergessen, daß unsere Wurzeln in China liegen.” Diese Überzeugung lebte in Frau Chang fort und ging, leise und ohne daß man es bemerkt hätte, auch in das Bewußtsein der Kinder über.

Iris lernte von früher Kindheit an nicht nur Englisch, sondern auch Chinesisch. Vater und Mutter taten ihr äußerstes, um sie mit dem chinesischen Erbe vertraut zu machen. So fühlte Iris sich in Amerika nie als Angehörige einer „Minderheit”. Einer der Gründe lag eben darin, daß sie von früh auf in nahe Berührung mit dem chinesischen Erbe gekommen war; sie wußte, woher ihre Wurzeln stammten, sie war stolz darauf, eine Chinesin Amerikas zu sein, sie war stolz darauf, daß in ihren Adern chinesisches Blut floß.

Iris liebte das Buch von Kindesbeinen an. Bei jedem Besuch der Bibliothek brachte sie ganze Stapel mit nach Hause. Die Bibliothek war ihr liebster Ort.

Eine Einzelheit muß besonders hervorgehoben werden: in einem späteren Interview erzählte sie, mit fünfzehn Jahren habe sie begonnen, sich die Ziele, die sie im Leben erreichen wolle, niederzuschreiben — und dies sei für sie ein Wendepunkt geworden. Zu ihrem eigenen Erstaunen mußte sie feststellen, daß sie zum Jahresende jedes der gesetzten Ziele erreicht hatte: in den Schulleistungen, in den außerschulischen Tätigkeiten, in den Auszeichnungen. Es war ihr, sagte sie, als seien jene Sätze mit einer Magie gewesen. Von da an wußte sie: über das eigene Schicksal vermag man — bis zu einem gewissen Grade — selbst zu verfügen. Schon sehr früh hat sich dieser Gedanke in ihr eingestellt.

3. Was war es, das sie zur Niederschrift von Die Vergewaltigung von Nanjing brachte?

Etwa in den Jahren 1979 bis 1980, als Iris in der fünften Klasse war, erwachte in ihr ein Bedürfnis nach Wurzeln; sie war auf die Geschichte und die Hintergründe ihrer Familie äußerst neugierig. Sie begann, ihren Eltern unablässig Fragen zu stellen: woher kommen wir, jeweils? Warum mußten wir nach Amerika? Wie sah China aus, als ihr in meinem Alter wart?

Das Hause Chang war ein außerordentlich offenes — nichts war unaussprechlich, und beim Abendessen erzählten Iris’ Eltern ihr die Geschichte ihrer Familie. Sie erklärten ihr etwa, was Iris’ Großvater so oft sagte — Reichtum und Rang sollen dich nicht verderben, Armut und Niedrigkeit sollen dich nicht beugen, Gewalt und Drohung sollen dich nicht zwingen — und wie die Familie trotz Armut, sich allen Schwierigkeiten widersetzend, durch Arbeit emporgekommen war und dem eigenen Schicksal die Stirne geboten hatte.

Sie erzählten ihr auch, was beide Familienzweige im Krieg gegen Japan und sodann im Bürgerkrieg zwischen Nationalisten und Kommunisten erlitten hatten. Vor allem die Ereignisse des Jahres 1937 — der Einfall der japanischen Armee in Nanking und das unmenschliche Massaker, das daraus folgte — waren für jeden Chinesen eine Geschichte, die niemals vergessen werden durfte. Jeder Chinese, sagten sie, müsse die Grausamkeiten, die der japanische Imperialismus im Krieg verübt hat, für immer im Gedächtnis bewahren.

Tatsächlich, am 13. Dezember 1937, als die japanische Armee Nanking eroberte und das Massaker begann, schrieb der Korrespondent der New York Times, Frank Tillman Durdin, einen Bericht darüber, der auf der Titelseite stand. Eine ganze Reihe von Zeitungen brachte in jenen Wochen Artikel über das Vorgefallene. Und dennoch hatte sechzig Jahre später die westliche Welt diese furchtbare Geschichte ganz vergessen.

Die Kriegserzählungen, die sie zu Hause hörte, waren der amerikanischen Öffentlichkeit kaum bekannt. Iris fand in ihren Schulbüchern, in den öffentlichen Bibliotheken, kein Wort über das Massaker von Nanking, indes die Geschichte von der Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten in jeder Einzelheit gelehrt wurde. Sie wollte verstehen, warum dieser ungeheure Riß bestand.

Was sie aber endgültig zur Feder greifen ließ, war eine Photographieausstellung über das Massaker von Nanking, die im Dezember 1994 in Cupertino, in der Bucht von San Francisco, gezeigt wurde. „Es war das Entsetzen jener Photographien”, sagte sie, „das in mir den Gedanken weckte, dieses Buch zu schreiben. Ob das Buch Geld einbringen würde, das war mir gleich. Was ich wollte, war: daß alle Menschen auf der Welt erführen, was 1937 in Nanking geschehen war.” So machte Iris sich auf, die Wahrheit über das Massaker von Nanking zu suchen. Im Januar 1995 ging sie an die Library of Congress und an die Bibliothek der Yale Divinity School, um Material zu sammeln; im Juli desselben Jahres reiste sie allein nach Nanking, um die Überlebenden zu befragen.


(Iris bei der Arbeit im Archiv.)


(Iris bei der Befragung Xia Shuqins, einer Überlebenden des Massakers von Nanking.)

Beim Schreiben von Die Vergewaltigung von Nanjing vergaß sie Schlaf und Speise; den Schmerz an Leib und Seele setzte sie hintan, nur um das Werk zu vollenden. Einmal fragte ihre Mutter sie: „Wirst du fortfahren?” Und Iris sagte: „Was ich jetzt durchmache, läßt sich nicht vergleichen mit dem, was die Opfer erlitten haben. Ich will jene retten, die in der Finsternis vergessen worden sind, ich will sprechen für die, die nicht mehr sprechen können.”

Während ihrer Recherchen tauchte in den Quellen immer wieder der Name John Rabe auf — und doch wußte nach dem Krieg niemand, was aus ihm in Deutschland geworden war. Iris ließ nicht ab; mit der Zeit fand sie seine Enkelin, und durch sie das Tagebuch des John Rabe. Die Auffindung des Rabe-Tagebuchs war einer der großen Beiträge, die Iris zur Geschichte des Massakers von Nanking geleistet hat.


(Seiten aus dem *Rabe-Tagebuch*, das Iris Chang der Gedenkhalle in Nanking gestiftet hat.)


(Iris Changs Bildnis in der Gedenkhalle für die Opfer des Massakers von Nanking durch die japanischen Eindringlinge.)

Als der japanische Botschafter in den Vereinigten Staaten ihr Buch öffentlich als „nicht zutreffend” rügte, forderte sie ihn ohne Umschweife heraus. Am 1. Dezember 1998 trat Iris in der Sendung NewsHour with Jim Lehrer des öffentlichen Fernsehens PBS mit dem damaligen japanischen Botschafter Kunihiko Saito vor das ganze Land in eine Debatte.

Iris’ Eltern hätten sich nie träumen lassen, daß die Erzählungen, die sie am Abendtisch beiläufig fallen ließen, eines Tages ihre Tochter dazu bewegen würden, ein Buch zu schreiben, das in aller Welt verkauft wurde — und das die Sicht der ganzen Welt auf den Zweiten Weltkrieg veränderte: Die Vergewaltigung von Nanjing — der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs.

4. Iris Chang glaubte an „die Kraft eines Einzelnen”. Unter welchen Bedingungen ist sie zu diesem Glauben gelangt?

Iris hat „die Kraft eines Einzelnen” eben im Verlauf des Schreibens an Die Vergewaltigung von Nanjing erfahren. Sie glaubte: ein einzelner Mensch, allein, vermag etwas zu vollbringen — vermag das Ziel, das er sich gesteckt, zu erreichen.

Frau Changs Lesart: aus der Erfahrung des Schreibens an Die Vergewaltigung von Nanjing ist Iris zu der Überzeugung gelangt, daß auch die Kraft eines Einzelnen die Welt zu verändern vermag. Um dieses Buch zu vollenden, mußten — so Frau Chang — fünf Eigenschaften in Iris zusammenkommen: Neugier, Leidenschaft, ein nicht erlahmender Fleiß, das Sich-nicht-Aufgeben, und Mut.

5. Was bedeutet „die Kraft eines Einzelnen” für die Arbeit des Iris Chang Studios?

Zuerst eine kurze Einführung. Das Studio wurde vor drei Jahren gegründet.

Ich selbst habe von Iris Chang im Jahre 2008 erfahren, durch Olivia Chengs Dokumentation Iris Chang: The Rape of Nanking. Ich war damals im letzten Jahr der Oberschule. Nach dem Film kaufte ich auf der Stelle Die Vergewaltigung von Nanjing und las es. Ich habe das Buch seither aufbewahrt, und nehme es immer wieder zur Hand, wenn ich Zeit habe.

Stets nahm ich an, daß bei jemandem von ihrer Wirkung schon längst eine eigene Mannschaft am Werke sei, ihr Werk, ihre Vorträge, ihre Tonaufnahmen zu sammeln und zu ordnen, weiter zu erläutern, weiter zu berichten — denn sie hatte die ganze Welt aufgerüttelt, von neuem hinzusehen auf die Verbrechen des japanischen Imperialismus im Kriege. Ich aber fand: niemand tut diese Arbeit. So schrieb ich Frau Chang einen Brief und sagte ihr, ich hätte einen Gedanken: ein Studio im Andenken an Iris zu gründen.

Eine der gegenwärtigen Aufgaben des Studios ist die Übersetzung der Vortragsaufnahmen Iris Changs, um sie der Öffentlichkeit so bald wie möglich zugänglich zu machen. Wir arbeiten ferner mit der Iris-Chang-Gedenkhalle in Huai’an bei Gedenkveranstaltungen zusammen.

In jüngerer Zeit hat sich das Studio mit dem Outlook Research Institute zusammengetan, um eine NFT-Reihe „Super Iris” hervorzubringen; diese Reihe soll auf einer namhaften, kettenübergreifenden NFT-Handelsplattform veröffentlicht werden.

Bisher hat Frau Chang öffentliche Vorträge meist persönlich gehalten; doch Frau Chang darf sich nicht überanstrengen, und sie muß für ihre Familie sorgen. Daher wird das Studio in Iris’ Namen immer öfter vor die Öffentlichkeit treten — mit dem Ziel, eine neue Generation heranzuziehen, die Iris’ Geist forttragen und verbreiten wird. Eben das ist auch das Hauptanliegen des Studios: eine neue Generation auszubilden, die das Werk Frau Changs übernimmt.

Ich wohne in Hangzhou. Die Orte, die ich am meisten liebe, sind die Pagode Baochu und der Tempel des Yue Wang — Orte, an denen es mir scheint, als sähe ich Iris in jenen Photographien wieder, die einst aufgenommen wurden, da sie nach Hangzhou kam. Ich glaube: wie immer auch die Jahre dahingehen mögen, zwischen Iris und mir besteht in der tiefsten Tiefe der Seele und des Geistes eine Verbindung, die Zeit und Raum durchquert.


(Iris Chang im Tempel des Yue Wang, Hangzhou.)

  • Anmerkung der Redaktion des Hawaii Chinese Daily: um 1965, als der Schriftleiter in Taipei tätig war, gehörte zu seinen wöchentlichen Pflichten, die politischen Kolumnisten der Zeit aufzusuchen, ihre Manuskripte abzuholen und ihnen die Honorare zu überbringen. Bei jedem Besuch im Hause des Herrn Chang Tieh-chün in Xindian wurde er mit einer Tasse Tee und einem kurzen, herzlichen Gespräch empfangen. Erst kürzlich, in einem Gespräch mit Frau Ying-Ying Chang, erfuhr der Schriftleiter, daß Herr Chang Tieh-chün ihr Vater gewesen ist — und somit der Großvater Iris Changs. Daß einer der Männer, die er am höchsten verehrt hat, in solch enger Verbindung zu Iris Chang stand, das hatte er nicht ahnen können. Bei den Changs bedauert der Schriftleiter eine Bekanntschaft, die zu spät zustande kam. Er hält sie hier fest, daß sie nicht vergessen werde.