Vorrede
Im Sommer des Jahres 1937 zog der Vorfall an der Marco-Polo-Brücke den Vorhang auf für Chinas Krieg des Widerstands gegen Japan. Siebzig Jahre später wurden Nanjing, Iris Chang: Die Vergewaltigung von Nanjing, The Rape of Nanking und Nanjing! Nanjing! — neben weiteren Spiel- und Dokumentarfilmen — auf der ganzen Welt aufgeführt, und sie holten jene jammervolle Geschichte abermals vor unsere Augen.
In einer Welt, in der manche Stimmen in Japan noch immer den geschichtlichen Bericht zu verdrehen versuchen, hat das Auftreten dieser Werke einen geschichtlichen Sinn von eigenem Gewicht. Doch das Werk der Wiedergewinnung der Geschichte und das der Besinnung auf sie ist damit noch lange nicht vollendet.

In den Spuren Iris Changs
Zhu Chengshan, Direktor der Gedenkhalle der Opfer des Nanjing-Massakers durch die japanischen Eindringlinge, hat einst über Iris Chang gesagt: »Sie war wie eine voll erblühte Blume, die man, zu unserem Leid, allzu früh hat welken sehen; und sie war wie ein Krieger, der auf dem Schlachtfeld fällt, hinter dem aber zahllose andere stehen, bereit, sein unvollendetes Werk fortzuführen.«
Im März 2007 stand Wang Weixing auf der Brustwehr des Zhongshan-Tores in Nanking und wies in die Ferne, indes er Olivia Cheng sagte: »Am 13. Dezember 1937 ist die japanische Armee von dort her gekommen und hat das Zhongshan-Tor besetzt.« Er beantwortete ihre Fragen mit großer Ausführlichkeit, und seine Stimme erhob sich: »Wissen Sie, was es bedeutet hat, dies Buch zu schreiben? Wissen Sie, was es bedeutet hat, die Wahrheit des Nanjing-Massakers vor die Welt zu bringen?« — als wäre Wang Weixing in jenen Augenblick zwölf Jahre zuvor zurückgekehrt, da er Iris Chang dieselben Worte gesagt hatte. Die Ähnlichkeit zwischen Olivia Cheng und Iris Chang erweckte in ihm Empfindungen, die kaum auszusprechen waren.
Die Geschichte zurückholen — von Iris Chang zu Olivia Cheng
Um auf der Leinwand wieder erstehen zu lassen, was Iris Chang einst in Nanking, beim Sammeln ihrer Unterlagen, erlebt hatte, beteiligten sich die Sachverständigen und Überlebenden, die ihr begegnet waren, an den Aufnahmen des Dokumentarfilms Iris Chang. Olivia Cheng — die einzige Schauspielerin des Films, eine in Kanada aufgewachsene Chinesin — schien wie geboren, um Iris Chang zu spielen.
Olivia Chengs Verehrung für Iris Chang begann im Jahre 1998: durch einen Titelbeitrag im Reader’s Digest hatte sie Iris Chang zum ersten Mal »getroffen«. Die Vergewaltigung von Nanjing — Das vergessene Massaker des Zweiten Weltkriegs hatte in der westlichen Welt tiefe Wirkung getan, und Olivia Cheng empfand, daß sie als Mensch chinesischer Herkunft die Pflicht habe, diese Geschichte kennenzulernen.
Im Jahre 2006, als Olivia Cheng sich daran machte, ihr eigenes Vorbild näher kennenzulernen, erfuhr sie, daß Iris Chang bereits seit zwei Jahren tot war.
Die Geschichte berühren — von San Francisco nach Nanking
Olivia Cheng faßte den Entschluß, durch ein Buch und einen Film die Erinnerung an Iris Chang wachzuhalten. Auf eigene Kosten reiste sie nach San Francisco, suchte die Familie und die Freunde Iris Changs auf, ging die hinterlassenen Schriften durch und stand an ihrem Grabe.
Im Februar 2007 erfuhr Olivia Cheng von der Suche nach einer Darstellerin für den Dokumentarfilm Iris Chang. Sie schrieb sogleich um die Rolle und wurde gewählt. Um die Heldin ihres Herzens würdig darzustellen, folgte sie weiterhin Iris Changs Spuren, bis sie nach Nanking kam.
Erbe und Fortdauer der Geschichte
Der Erfolg, den Die Vergewaltigung von Nanjing in der westlichen Welt errang, beruhte auf Iris Changs eingehender Untersuchung, ihrer souveränen Beherrschung des englischen Stiles und ihrer reportagenahen Schreibweise. Zhang Lianhong, Direktor des Forschungszentrums für das Massaker von Nanking an der Pädagogischen Universität Nanking, hat darauf hingewiesen, daß Japan in den 1990er Jahren wiederholt zur Geschichtsrevision griff und damit das Augenmerk der internationalen Gemeinschaft erregte.
Iris Chang betont in ihrem Buch: »Das Massaker von Nanking ist eine der bösartigsten und der größten Greueltaten in der Geschichte der Menschheit. Das Anliegen dieses Buches ist es, die Tatsachen zu ordnen, die Lehren zu ziehen, und die Glocke des Mahnens lang anschlagen zu lassen.« Die Verwirklichung des Dokumentarfilms Iris Chang wird, ohne Zweifel, viele weitere ermutigen, das unvollendete Erbe Iris Changs zu übernehmen.
Liu Meiling, Vizepräsidentin der Niederlassung Toronto der ALPHA-Föderation Kanada (der Produktionsgesellschaft des Films), hat erklärt, der Film befinde sich in der letzten Schnittphase und solle im Dezember dieses Jahres weltweit zugleich, in mehreren Sprachfassungen, herausgebracht werden. Es bestehe die Hoffnung, daß der Film auch in Japan zu sehen sein werde — um eine Botschaft des Friedens auszusprechen und um dem Nanking des Jahres 1937 abermals Zeugnis zu geben.
Eine der beiden Regisseurinnen, Anne Pick, hat erklärt, der Film bezeuge, durch das Auge einer mutigen jungen Frau, jene Ereignisse, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Der andere Regisseur, Bill Spahic, hofft, durch eine Einreichung zum Oscar der ganzen Welt die Wahrheit des Nanjing-Massakers nahezubringen.
Iris Chang: Die Vergewaltigung von Nanjing ist nicht allein ein Andenken an das Leben Iris Changs, sondern auch eine tiefe Besinnung auf die Geschichte selbst — ein Film, durch den wir das Vergangene besser kennen, im Gedächtnis halten und gemeinsam zu einer friedlichen Zukunft schreiten können.
- Anmerkung: Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der International Herald Leader: »Die Vergewaltigung von Nanjing — Filme über die Geschichte des Widerstandskrieges weltweit verbreitet« (6. Juli 2007).