Die Geschichte hinter dem Dokumentarfilm *Nanking*

Über die Begegnung mit dem amerikanischen Milliardär Ted Leonsis und dem großen Regisseur Bill Guttentag.
Die Geschichte hinter dem Dokumentarfilm *Nanking*

Von Ying-Ying Chang

Wenn ich an die Entstehung des Dokumentarfilms Nanking zurückdenke, muß ich, ob ich will oder nicht, sagen: in dieser Welt gibt es Dinge, die sich auf eine Weise zutragen, die keine Erklärung mehr zuläßt.

Nachdem unsere Tochter Iris Chang am 9. November 2004 sich das Leben genommen hatte, sanken mein Mann und ich in einen Abgrund von Schmerz. Ein Jahr lang verschlossen wir uns im Hause, traten nicht über die Schwelle, und vermochten uns selbst nicht herauszuziehen. Iris’ Tod brachte uns ein Leid ohne Maß; er brachte zugleich vielen Menschen, die wir nie gekannt hatten, das Werk des Sich-Erinnerns. Aber was ich nie erwartet hätte, war: daß es einen Mann gab, dem, ebenso wie uns, Iris’ Tod und die Geschichten, die sie in Die Vergewaltigung von Nanjing hinterlassen hatte, nicht aus dem Sinn weichen wollten — Wochen lang gingen sie ihm im Kopf um — bis er sich entschloß, die Geschichte des Massakers von Nanking auf die Leinwand zu bringen.

Anfang Oktober 2005 erhielt ich einen Brief von einem Mann namens Bill Guttentag. Er schrieb, er sei Dokumentarfilmregisseur in Hollywood und plane einen Film über das Massaker von Nanking; er verehre Iris und ihr Werk zutiefst und bitte uns um unsere Hilfe. Sogleich schlug ich im Internet nach, wer er sei. Es stellte sich heraus, daß er ein Oscar-prämierter Dokumentarfilmer war — und Achtung erhob sich in mir augenblicklich. Solange Iris noch lebte, hatte sie gehofft, daß die Geschichte von Nanking eines Tages die Leinwand erreichen werde. Nun trat von sich aus jemand vor, um das zu tun. Eine bessere Nachricht hätten wir uns nicht erhoffen können, und natürlich wollten wir ihm zur Vollendung verhelfen. Bill verabredete sich mit meinem Mann und mir in einem Café in der Nähe des Stanford-Campus. Wir gingen, wie verabredet. Es zeigte sich, daß Bill nicht nur in Hollywood arbeitete, sondern auch in der Nähe von Stanford wohnte, denn er war zugleich Professor an der Stanford University und unterrichtete dort Kurse zum Film. Der Mann, der uns gegenübersaß und seinen Kaffee trank, machte auf mich von Anfang an den Eindruck eines gelehrten Gentleman, mit ordentlich gestutztem weißen Bart um die Lippen, ohne eine Spur jener Wichtigtuerei, die einem großen Regisseur eigen sein könnte — was meinen Mann und mich sofort beruhigte.

Bill erzählte uns langsam, wie es kam, daß er für Nanking als Regisseur engagiert worden war. An der Ostküste, in Washington, gab es einen wohlhabenden Mann namens Ted Leonsis, den Iris’ Buch tief bewegt hatte und der einen Film über das Massaker von Nanking finanzieren wollte. Ted hatte Bill als Regisseur gewinnen wollen; doch Bill, dem das Sujet zu schwer schien, hatte abgelehnt. Da flog Ted ihn unerwartet mit seinem Privatjet von Kalifornien nach Washington und lud ihn ein, einem Spiel seines Sportteams beizuwohnen. Vor dieser Aufrichtigkeit konnte Bill sich der Bitte nicht weiter entziehen — er sagte zu. Er hatte bereits ein Drehteam zusammengestellt und Iris’ Buch sorgfältig gelesen. Das Team werde nun nach China reisen, um Überlebende zu befragen, und er bat uns, dem Team unsere Hilfe zu gewähren. Wir sagten sogleich zu. Zu Hause angekommen, durchsuchte ich das Internet nach Informationen über Ted.

Ted Leonsis erwies sich als griechischstämmiger Amerikaner — ein selfmade-Mann, dessen Aufstieg legendär war. Seine Eltern waren Arbeiter; der Vater hatte gehofft, der junge Ted möge es einmal soweit bringen, in einem Restaurant arbeiten zu dürfen. Doch Ted hatte schon als Kind verstanden, durch eigene Arbeit zu verdienen. Im Sommer mähte er den Rasen eines Mannes, der an der Börse tätig war; jener Mann, der Teds Fleiß und Klugheit erkannte, half ihm zum College-Studium. So konnte Ted die Georgetown University in Washington absolvieren — er war der erste in seiner Familie, der die Universität besuchte. Mit Fleiß und Klugheit stieg er fast ohne Hindernis bis zum Vizepräsidenten von America Online (AOL) auf, gelangte zu mehreren Sportteams und sein Vermögen überschritt die Hundertmillionengrenze. Mit sechsundzwanzig hatte er einen Flugzeugabsturz überlebt, und dieser Streifschuß des Todes wurde zur Wendemarke seines Lebens. Er beschloß: mit dem Rest, der ihm geschenkt worden war, wolle er etwas vollbringen. Aus diesem Beschluß erwuchs der Antrieb, der hernach alles trug. Er notierte hundertundeine Sache, die er in seinem Leben noch tun wolle — eine davon war: einmal einen Film zu drehen. Nach seinem Aufstieg sah er, wie eine seiner Wünsche nach der anderen sich erfüllten.

Nach unserer Begegnung mit Bill im Oktober 2005 übergab ich seiner Assistentin und Co-Regisseurin Violet Feng alles, was wir zu Hause an Materialien zum Massaker von Nanking hatten — viele Videokassetten, sämtliche Interviewaufzeichnungen Iris’ eingeschlossen. Auch wandte ich mich an die Vorstandsmitglieder der Global Alliance for Preserving the History of WWII in Asia — Ding Yuan, He Yingming, Shao Zhengyin und andere — und ein jeder gab dem Team Bills, was er an Materialien hatte. Ich vermittelte für sie die Verbindung zu Zhu Chengshan, dem Direktor der Gedenkhalle der Opfer in Nanking, sodaß Bills Team in raschem Gang die Überlebenden des Massakers treffen konnte. Die Dreharbeiten in China gingen reibungslos voran. Bill blieb mit mir in Briefverbindung und dankte uns und der Alliance immer wieder für die starke Unterstützung.

Im Oktober 2006 hielt die Alliance ihre alle zwei Jahre stattfindende Versammlung — in jenem Jahr ausgerichtet vom Washingtoner Ostküsten-Verband. Nach Iris’ Tod waren wir, eingedenk der engen Verbindung Iris’ zur Alliance, ihr beigetreten und nahmen an der Tagung in Washington teil. Auf Bills Empfehlung hin hatte ich begonnen, mit Ted, der in Washington wohnte, in Briefverbindung zu treten; wir hatten verabredet, uns am Rande der Tagung zu sehen. So kam es, daß wir Ted zum ersten Mal persönlich begegneten. Im selben Augenblick, da er uns sah, kam er auf uns zu und reichte uns die Hand. Ted war hochgewachsen und kräftig, mit dunklem Haar und Brauen, hellen Augen, und trug das typische Gepräge eines Osteuropäers. In der Sitzung präsentierte er einen unbearbeiteten Ausschnitt aus Bills Aufnahmen in Nanking und bat die Mitglieder der Alliance, dem fertigen Film bei der Verbreitung zu helfen. Beim Mittagessen bat er ausdrücklich darum, neben uns sitzen zu dürfen. Da die Alliance über knappe Mittel verfügte, war der Tagungsort ein einfaches Hotel; die Tische waren klein, und Ted saß uns gerade gegenüber, kaum drei Fuß entfernt. Mild und zuvorkommend, wandte er sich an meinen Mann und mich und legte uns offen dar, weshalb er sich entschlossen hatte, diesen Film zu finanzieren.

Ted erzählte: zu Weihnachten 2004 lag er auf seiner Privatjacht in der Karibik vor Anker. An Bord gab es nichts zu lesen, also kaufte er, als die Jacht an einer kleinen Insel anlegte, einen großen Stapel älterer New York Times-Ausgaben, um sie in Muße zu lesen. Auf jenem Stapel fand er Iris’ Nachruf vom November 2004, mit ihrem Lichtbild daneben. Er sagte, er halte sich für einen leidlich gebildeten, leidlich belesenen Mann — und dennoch habe er bis zu jener Stunde nie etwas vom Massaker von Nanking gehört. Im Nachruf wurden Iris’ Buch Die Vergewaltigung von Nanjing, die Sicherheitszone, John Rabe und die internationalen Helfer der Zone, die zweihundertfünfzigtausend Flüchtlinge gerettet hatten, erwähnt. Nichts davon war ihm bekannt gewesen. So entstand in ihm ein starkes Interesse an dieser Geschichte. Ehe er an Land ging, sah er, wie die Bediensteten die alten Zeitungen in den Mülleimer warfen; gerade die Seite mit Iris’ Nachruf lag obenauf. Als er am Mülleimer vorbeischritt, bemerkte er, daß Iris’ Augen, im Foto, ihn anschauten. Er ging hin und her, und ihre Augen folgten ihm. Als Ted dies sagte, stellten sich mir die Haare auf den Armen empor. Ich starrte ihn an — keine Spur von Übertreibung war in seinem Blick. Mit großem Ernst sagte Ted: jene internationalen Humanisten der Sicherheitszone hätten in jener Kriegsnot jederzeit nach Hause zurückkehren und ein bequemes Leben führen können. Sie aber blieben und retteten Flüchtlinge. Die Tiefe ihres Menschentums verdient unsere bedingungsloseste Verehrung. Er sagte: »Auch in der dunkelsten Stunde gibt es einen Schimmer von Morgen« — was später zur Werbung des Films Nanking wurde. Dann zeigte er auf seine eigene Brust und fragte: »Hätte ich, in jener Lage, dort ausgehalten?« Diese Frage, sagte er, habe ihn ohne Unterlaß bedrängt. In jenem Augenblick war ich, wahrhaftig, von seiner Erzählung tief ergriffen.

Ted fuhr fort: nach seiner Heimkehr ging er in die Buchhandlung und kaufte alle Bücher zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die er fand, und las sie durch. Er las auch Iris’ Buch Die Vergewaltigung von Nanjing von Anfang bis Ende. In jener Zeit, sagte er, habe ihn die Geschichte von Nanking nicht losgelassen; er konnte mehrere Nächte nicht schlafen. Seine Frau habe zu ihm gesagt: »Ich habe dich noch nie so versessen erlebt.« Mit solcher Offenheit, mit solcher Aufrichtigkeit hat er uns geschildert, was in seinem Innersten vorging. Er war warm, hatte ein lebendiges Gerechtigkeitsempfinden, war zugänglich. Nicht der geringste Anflug eines Wohlhabenden-Tones. Tatsächlich vergaß ich beim Sprechen ganz, daß er einer der großen Geschäftsmänner Amerikas war, daß er drei Sportteams in Washington besaß, daß er ein Privatflugzeug, eine Jacht hatte. So gestaltete er den Dokumentarfilm Nanking zur Erfüllung jenes Lebenswunsches: einmal einen Film zu drehen. Er steckte eine Million Dollar hinein und engagierte den großen Regisseur Bill. Er sagte: wenn schon ein Film, dann ein guter — und so wollte er den besten, den erstrangigen Regisseur.

Anfang 2007 hatte Bill den Schnitt vollendet. Er war, wie es einem Oscar-preisgekrönten Regisseur ziemt, zu frischen Lösungen fähig. Er engagierte mehrere damals namhafte Hollywood-Schauspieler, die unentgeltlich mitwirkten. Ich vermute, Bill hat sie mit dem Geist der Humanisten der Sicherheitszone überzeugt. Jeder Schauspieler stellte einen der internationalen Helfer der Zone dar und las dessen Briefe und Tagebücher vor, in denen das Grauen jener Tage festgehalten ist. Jürgen Prochnow gab John Rabe; Woody Harrelson, Dr. Wilson; Mariel Hemingway, Minnie Vautrin.

Der Dokumentarfilm Nanking wurde 2007 fertig. Auf dem Sundance Film Festival in Utah erhielt er hohe Anerkennung. Bei den Academy Awards desselben Jahres errang er nicht, wie Ted gehofft hatte, den Preis für den besten Dokumentarfilm, doch war er einer der fünf Nominierten der engsten Wahl. Außerdem erhielt der Film den Peabody Award — eine der höchsten Ehren, die im künstlerischen Schaffen vergeben werden. Wir und die Mitglieder der Alliance arbeiteten unermüdlich an der Bewerbung und Verbreitung des Films, der in Nordamerika, in Asien, und auch auf dem chinesischen Festland gezeigt wurde; sein Einfluß auf das öffentliche Verständnis dieser Geschichte ist beträchtlich gewesen. Am Schluß des Films wird Iris Chang ausdrücklich gedacht, mit Dank für ihren Beitrag zur Geschichte des Massakers von Nanking. Im Himmel, glaube ich, ist Iris darüber gewiß getröstet.

Eine kleine Anekdote: im November 2007 wollte Frau Ma Difan, eine Anführerin der chinesischen Gemeinde Bostons, Nanking in Boston öffentlich aufführen lassen und Mr. Leonsis als Festredner einladen. Ich half ihr gern, die Einladung an Ted zu richten. In ihrem Brief schrieb Frau Ma, sie werde die Reisekosten und die Fahrt zum Flughafen tragen. Ted antwortete, sie solle sich darum keine Sorgen machen. Erst danach fiel uns wieder ein, daß er einen Privatjet besaß. Frau Ma und ich lachten am Telefon ganze zwei Minuten lang.

Meine Begegnungen mit Ted und Bill auf dem Wege meines Lebens waren von kurzer Dauer; doch werde ich die Geschichte hinter diesem Film nie vergessen können. Wie viele in dieser Welt empfinden, wie Ted, das Opfer der Humanisten der Sicherheitszone in Nanking? Und wie viele wären bereit, Geld einzusetzen, um diese Geschichte einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Wenn ich an Teds Worte zurückdenke — daß Iris’ Augen ihm gefolgt seien, daß sie sein Inneres ergriffen hätten — war das, was die Religion ein Wunder nennt? War es das, was die Wissenschaft Telepathie nennt? Zufall? Schicksal? Oder ist es so, daß nur jene, die mit der nötigen Aufmerksamkeit ausgestattet sind, jene geheimnisvollen Augenblicke zu erfassen vermögen? Es ist eine Erscheinung, die in dieser unserer Welt nie ganz aufgeklärt werden wird.

  • Ying-Ying Chang ist die Mutter von Iris Chang. Sie hat in Biochemie an der Harvard University promoviert und war wissenschaftliche Außerordentliche Professorin der Mikrobiologie an der University of Illinois (im Ruhestand). 2011 erschien ihre englische Erinnerung an die Tochter, The Woman Who Could Not Forget. Eine chinesische Übersetzung — Iris Chang: Die Frau, die die Geschichte nicht vergessen konnte — erschien 2012 in einer vereinfachten und einer traditionellen Ausgabe.